Mittwoch, 4. Mai 2016

Alles (nicht) nur in meinem Kopf...





Erinnerungen sind nicht immer gleich mit einem Lächeln im Gesicht verbunden.
Aber sie sind drin in meinem Kopf.


Mal ganz weit weg, dann aber wieder - so wie heute - ganz nah.

4. Mai 1999
Ein Tag, an dem mir ein Satz den Boden unter den Füßen weg gezogen hat.
"Wenn das tatsächlich Ihre Blutwerte sind, dann haben Sie Leukämie."
Ich höre mich noch sagen: "Dann muss ich jetzt durch die Hölle gehen, oder?"
"Ja, das müssen Sie!"

Ich finde es gut, wenn man so ehrlich zu mir ist. Dann weiß ich, woran ich bin.
Alles andere wäre gelogen gewesen und ich hätte wahrscheinlich nicht den Willen und die Kraft gehabt, mich auf die bevorstehende Zeit so einzulassen, wie ich es letztendlich getan habe.

Ich bin zu der Zeit 38 Jahre alt und unsere Kinder sind 10, 13 und 16.
Sie sind zwar keine Kleinkinder mehr - aber es sind meine Kinder.
Und sie realisieren ganz genau, was hier gerade passiert. 
Sie reagieren alle drei ganz unterschiedlich.
(...und es ist auch immer noch nicht ganz abgearbeitet...)
Mir zerreißt es fast das Herz, weil ich ihnen nicht helfen kann.
Aber ich denke auch: gut, dass es mich trifft.
Wäre es eines der Kinder.....das würde ich nicht ertragen.
Ich bin stark, ich halte das aus, ich schaffe das!




In meinem Kopf jedoch ist alles durcheinander.
Das geht doch nicht! Ich habe Kinder! 
Ich will sie groß werden sehen, sie brauchen mich doch noch! 
Im nächsten Mai haben wir Konfirmation... 
...und ich will doch auch noch Oma werden!

Es ist wichtig, Ziele zu haben. Verdammt wichtig.
Ich habe mir geschworen, 
dass ich bei der Konfirmation unserer Tochter dabei sein werde.
Und zwar gesund!
Natürlich konnte ich nicht wissen, dass dieser Plan klappt. 
Aber ich bin mir sicher, dass mir meine Ziele, meine Wünsche und Gedanken 
dabei geholfen haben, diesen Alptraum zu überstehen und gesund zu werden.

17 Jahre ist es heute her, dass ich diese Diagnose erhalten habe.
Es folgten ca. 7 Monate Kampf mit vielen schwarzen Löchern, in die ich gefallen bin.
Teilweise war ich gar nicht anwesend. Hab einfach alles geschehen lassen.
Ich fühlte mich wie in einer Blase oder einem dicken Wattebausch,
hörte nix mehr, wollte auch nix mehr sehen, mit niemandem mehr sprechen.
Ging auch nicht.



Ich weiß nicht, was geworden wäre, 
wärst du, mein Liebster, nicht jeden Tag bei mir gewesen!
Du hast mich immer wieder aufgebaut und mir Mut gemacht.
Wie viele Stunden haben wir stumm miteinander dort in der Klinik verbracht...
Ich konnte nicht sprechen - du warst erschöpft.
Also brachten dir die Schwestern einen Liegestuhl ins Zimmer, 
damit wir beide schlafen konnten.
Jeden Vormittag warst du bei mir, nachmittags bei den Kindern.
Dein Arbeitgeber hatte dir die Freiheit gelassen,
nur so viel zu arbeiten, wie es dir möglich war.
War ein toller Chef, der Herr R.!
Heute wäre es undenkbar...

Nach 5 Monaten begann mein zweites Leben -
ich bekam einen Tag nach meinem 39. Geburtstag 
neue Stammzellen von meiner Schwester.




Von da an ging es noch mal richtig bergab.
Der Körper wird für die Transplantation vollkommen "abgetötet". 
Alles auf Null. Reset.
Und dann kommen die neuen Zellen.
Wird der Körper sie annehmen - oder ist jetzt alles vorbei?
Ist es eine Infusion mit neuem Leben  - oder ist es meine "Todesspritze"?

Diese Gedanken gingen mir tatsächlich durch den Kopf.
Lachen und Weinen - beides gleichzeitig - Gänsehaut, ich zittere wie verrückt.
Ich freue mich und habe eine Höllenangst!
Doch ganz tief in mir drin bin ich mir sicher, dass es gar nicht schief gehen kann,
denn meine Schwester und ich sind innerlich so verbunden, 
dass es gar keine Zweifel geben darf.

Nach und nach erwache ich wortwörtlich zu neuem Leben.
Und bei meiner Entlassung aus der Klinik
sehe ich aus, als komme ich gerade aus dem Urlaub, so braungebrannt.
Das kommt allerdings von den Ganzkörperbestrahlungen,
meinem Solarium, wie ich es immer genannt habe.
Wenn die "Platte" und der Mundschutz nicht wären... ;o)
Der Schein trügt allerdings - ich bin dermaßen schlapp, dass ich kaum laufen kann.
Auch muss ich mich noch relativ lange von anderen Menschen fern halten,
weil mein Immunsystem noch nicht wieder so arbeitet,
wie bei einem gesunden Menschen.




Weihnachten feiern wir alle zusammen zu Hause.
Und 10 Monate nach Diagnosestellung - 5 Monate nach Transplantation -
fliegen mein Schatz und ich von HH nach L.A.,




weiter nach Hawaii / Maui, 
wo wir eine traumhaft schöne Woche im Paradies verbringen.




Auf dem Rückflug noch ein Stopp in New York, bevor es wieder nach Hause geht.
Hallo Leben! Ich bin wieder da! Ich spiele wieder mit! (wenn auch langsamer).

Die Konfirmation im Mai 2000 hab ich mit organisieren können 
und wir haben mit der großen Familie gefeiert.
Die Kinder sind inzwischen alle erwachsen, 
4-fache Oma bin ich auch.

Eine gewisse Kraftlosigkeit, Konditions- und Immunschwäche sind geblieben.
Aber ansonsten bin ich wieder vollkommen gesund.
Schon toll, was die Medizin so alles kann...!

***

Einige von euch wissen ja bereits von dieser Zeit.
Aber wie ich anfangs schon schrieb - es ist nicht raus aus dem Kopf.
Die Gedanken rutschen immer mal nach hinten ... und dann - so wie heute - 
sind sie wieder so greifbar nah.

Es kann sich alles so schnell ändern.
Darum ticke ich seither auch ein bisschen anders und versuche,
Dingen und Menschen "Adieu" zu sagen, dir mir nicht gut tun.
Daher auch meine Vorliebe für fröhlich bunte Farben und ein bisschen verrückt sein.
Ich amüsiere mich über die, die sich vielleicht wundern.
Und ich freue mich über die, die auch den Kopf mal ausschalten 
und auf ihren Bauch und ihr Herz hören.

Im Zusammenhang mit diesem heutigen Post möchte ich auch unbedingt wieder
einen Appell los lassen, sich bei der DKMS registrieren zu lassen,
falls es nicht bereits geschehen ist.
Leben spenden kann so einfach sein!
Die Typisierung erfolgt inzwischen sogar mit einem "Wattestäbchen".
Einfacher geht´s nicht.

***

Sprung...

Der Mai ist gekommen!
Die Schwalben auch.
Da diese allerdings in diesem Jahr mit Verspätung hier waren,
ist ihr Nest an unserem Haus inzwischen 
vom Zaunkönig umgebaut und besetzt worden.
Bin gespannt, ob es einen Neubau geben wird.

Genießt alle das schöne Wetter und die bevorstehenden Feiertage im Mai.
Ich gehe dann mal wieder raus in die Sonne und werde weiter unsere
"Villa Kunterbunt" streichen.





Alles Liebe, genießt den Frühling!

Eure Karin (die Henrijette Farbenfroh)

Kommentare:

  1. Liebe Karin.
    schlimm was du erlebt hast aber aus dieser Spirale zwischen Tod udn Leben hats du den Kampf gewonnen!
    Harte Zeit für die Familie und der zusammen halt ist jetzt grösser und deine Lebenseinstellung ist grossaritg deswegen geniesse diesen schönen Frühling!
    Ich wünsche dir alles gute!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke, Elke!
      Es ist ja schon so lange her. Und mir fällt es auch nicht schwer, darüber zu sprechen. Ja, Familie ist schon was Tolles! Was die einen Familien allerdings zusammenschweißt, bringt andere auseinander. Wir hatten Geduld und Glück!
      LG! Karin

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  2. Liebe Karin, schön, dass du diesen schweren Kampf gewonnen hast ❤️❤️❤️ Bleib gesund.
    Liebe Grüße
    Sabine

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    1. Ich bin stets bemüht, Sabine. Es klappt nicht immer, aber das ist ja dann auch nur so ne stinknormale Grippe oder "Rücken" oder "Knie"... ;o)

      Was macht das Hundchen?
      Liebe Grüße zurück!
      Karin

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  3. Liebe Karin,
    mir fehlen die Worte,mir laufen die Tränen...
    Danke das du so offen darüber schreibst, es zeigt wieder was wirklich wichtig ist. Da regt man sich so oft über nichtigkeiten auf dabei ist nur die gesundheit wirklich wichtig...
    Toll wie ihr gekämpft habt!!!!
    ganz liebe andrellagrüße

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    1. Liebe Andrella,
      obwohl es doch schon alles so lange her ist, sprechen wir in der Familie auch hin und wieder noch von "der schlimmen Zeit". Es fällt mir auch nicht schwer, so offen damit umzugehen. Im Gegenteil. Es hat gut geholfen beim Verarbeiten der ganzen Erlebnisse.
      Und ja - man regt sich über Kleinigkeiten auf. Und das ist auch gut so, denn das zeigt, dass wir am Leben sind und uns nicht alles egal ist. Ich dachte damals auch, ich möchte mich über so´n Pipifax nicht mehr ärgern. Aber das lässt sich gar nicht vermeiden. Allerdings kann ich mich auch ganz schnell wieder beruhigen, wenn ich kurz darüber nachdenke, wie banal die Sache doch gerade ist. ;-)
      Liebe Grüße zurück!
      Karin

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  4. Liebe Karin,
    vielen vielen Dank für diesen so ehrlichen ergreifenden Bericht. Und welch ein Geschenk, das Leben noch einmal geschenkt bekommen zu haben. Mögen noch viele gesunde Jahre folgen!
    Ganz liebe Grüße von Sabine

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    1. Danke für die lieben Wünsche! Ich weiß inzwischen, dass Gesundheit das wertvollste Gut ist, das wir haben!!
      Herzliche Grüße!
      Karin

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  5. Liebe Karin (Namensschwester, Karin ist mein Zweitnamen),
    ich lese immer sehr gerne Deine Neuigkeiten, auch da ich seit einigen Jahren in MV lebe. Nun, dieses heute zu lesen, geht an die Substanz. Gott wusste schon, warum in der Bibel steht: mache dir keine Sorgen um morgen, der heutige Tag hat genug Mühe und Plage (manchmal).Streiche weiter an der wunderschönen Villa Kunterbunt und ich wünsche Dir Gottes Bewahrung und Liebe.
    Herzliche Grüße Hanne

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    1. Herzlichen Dank für die guten Wünsche!
      Ich mache mir auch keine Sorgen um morgen und denke auch nicht verbittert an gestern sondern versuche, jeden Tag aufs Neue ganz für sich alleine zu leben. Und zum Glück sind die meisten Tage ohne Sorgen!
      Liebe Grüße!
      Karin

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  6. Dein Post hat mich sehr bewegt und es zeigt doch wieder, daß es nicht alles selbstverständlich ist .
    Wir sind hier auf Gottes Erde so klein .
    Ich wünsche dir weiter viel Mut und Elan für dein Leben.
    Geniesse es in vollen Zügen.

    Liebe Grüße Helga

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    1. Ja, Helga, ich genieße mein neues Leben! Und das nun schon so lange. Natürlich gibt es auch dunkle Tage. Aber die hellen sind seit damals kontinuierlich häufiger zu verzeichnen. :-)
      Und wenn es ab und zu mal grau statt blau ist, dann genehmige ich mir an dem Tag eine Auszeit.
      Liebe Grüße!
      Karin

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  7. Hallo liebe Karin,
    ich finde deinen Blog sehr ergreifend und dein Blog und die Erfahrungsberichte anderer Transplantationspatienten (http://www.meinetransplantation.at/erfahrungen-seite/erfahrungsberichte/) haben mir sehr geholfen nach meiner Lungentransplantation mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich wünsche dir auf jeden Fall alles, alles Gute! Du bist ein wirklich tolles Vorbild!!!

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    1. Liebe Tanja!
      Dann weißt du ja auch die blauen Tage zu genießen. Hattest mit Sicherheit genug graue!
      Eine Organtransplantation zieht ja leider bis ans Lebensende eine medikamentöse Behandlung nach sich. Das brauche ich zum Glück nicht.
      Schön, dass man dir auch mit einer Transplantation helfen konnte!
      Alles Liebe und herzliche Grüße!
      Karin

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